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"Freie Software - freie Bücher?" oder Warum Richard Stallman die Verlage eigentlich mögen sollte

von Markus Wirtz (Open Source Press)

Samstag, 02.06.2007, Saal 1: Karlsruhe, 16:00-17:00 Uhr

In der Diskussion um Copyright/Urheberrecht und Dokumentation steht in den Vorträgen und Artikeln Richard Stallmans -- und damit der gesamten Freie-Software-Bewegung -- eine Berufsgruppe/Branche hart in der Kritik: die "publisher", also Verleger oder Verlage allgemein.

Dieser Vortrag soll zwei Fragen beantworten:

1. Warum mag Stallman die Verleger nicht?

2. Warum sollte Stallman die Verleger doch mögen?

Entsprechend gliedert sich der Vortrag in zwei größere Abschnitte: Im ersten geht es darum, die Argumentation Stallmans zusammenzufassen und aufzuzeigen, wie er den an der Softwareentwicklung festgemachten Freiheitsbegriff auf andere Bereiche -- eben z.B. den der Dokumentation und Textproduktion allgemein -- überträgt. Eine der zentralen Aussagen lautet: Angesichts der technologischen Möglichkeiten zur Verbreitung von Information sei "copyright law [...] a restriction on a public for the sake of publishers". Diese ist zugleich der Ausgangspunkt für den zweiten (größeren) Teil des dieses Vortrags.

Hier geht es nun um eine Auseinandersetzung mit den oben zusammengefassten Thesen.

Aus unserer Sicht lassen die Diskussionen über die Möglichkeiten und Freiheiten zur Verbreitung von Information die wichtige Frage unberücksichtigt: Was ist Information? Oder anders: Was macht, aus Verlagssicht, ein Buch zu einem Buch? Und daran anschließend: In welchem Verhältnis stehen gedruckte und digitale Ausgaben zueinander?

Stellen wir die Utopie der ausschließlich digitalen Informationsvermittlung noch einen Augenblick hintan und werfen einen Blick auf den heutigen Buchmarkt, in dem Printausgaben nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. So sieht (vereinfacht) aus Verlagssicht die Kette der Informationsvermittlung aus:

Thema/Autor -> Manuskript/Lektorat -> Produktion -> Handel -> Leser

Die Beschreibung dieser Stationen und ihrer jeweiligen Bedeutung sollte deutlich machen, dass in der Diskussion um das Copyright/Urheberrecht und "freie Inhalte" -- bewusst oder aus Unkenntnis -- diese Kette unzulässig verkürzt wird. Stallman -- und keineswegs nur er -- suggeriert, dass die gleiche oder sogar bessere Informationsvermittlung auch durch folgende Kette gewährleistet sei:

Thema = Autor(en) -> Leser

Selbst wenn man die "reine Digitalität" und sogar Stallmans "ideales Bezahlsystem" annehmen würde, ergibt sich aus Verlagssicht diese direkte Verbindung von Autor zu Leser nicht. Oder anders: Diese direkte Beziehung ist zwar (auch heute schon) möglich, aber sie entspricht nicht dem, was Verlagsarbeit auszeichnet und notwendig macht. Abschließend also unsere Thesen (zur Diskussion):

- Information im verlegerischen Sinne gibt es nicht per se, sie muss gesucht, gestaltet und aufbereitet werden, und zwar vollkommen unabhängig vom Medium der Verbreitung.

- Die Verkürzung der Kette auf eine direkte Beziehung Autor--Leser ist im (gern zitierten) Einzelfall auch in hochwertiger Form möglich, sie ist jedoch kein Gegenentwurf, sondern eine (seltene) Alternative, für die dann selbstverständlich auch alternative Lizenz- und Vertriebswege gelten sollen.

- Die Ableitung der Stallmanschen Freiheiten auf alle Formen der Dokumentation suggeriert (oder beschwört sogar herauf) einen Gegensatz zwischen Autoren und Verlagen, den wir aus unserer Praxis nicht nachvollziehen können und der angesichts der komplexen Arbeitsabläufe zwischen Information und Leser kontraproduktiv ist.

- Die von den Verlagen teilweise auferlegten Restriktionen (= Unfreiheiten) bei der Informationsvermittlung (Beispiel eBook) entspringen zum großen Teil der Unsicherheit/Hilflosigkeit im Umgang mit neuen Technologien.

Über den Autor Markus Wirtz:

Schon während seines Studiums der Slavistik und Musikgeschichte betreute Markus Wirtz (Jahrgang 1968) zahlreiche Publikationen für verschiedene Wissenschaftsverlage, bevor er 2000 zur SuSE Linux AG kam und dort das Fachbuchprogramm mit aufbaute. 2003 verließ er das Unternehmen, um mit Open Source Press einen eigenen, unabhängigen Verlag für die Bereiche freie und Open Source Software zu gründen.

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