Practical Linux Forum (Mi, 03.05.2006)
Linux-Migration einer Arztpraxis
von Claudia Neumann (Praxis Dres. Neumann, APW-Wiegand)
Mittwoch, 03.05.2006, Saal 11A, 17:00-18:00 Uhr
Als niedergelassene Ärztin mit eigener Praxis in einer Kleinstadt im westlichen Niedersachsen bin ich auf ein verlässlich arbeitendes Computersystem angewiesen. 2001 hörte ich von diesem schwer zu konfigurierenden Betriebssystem namens Linux, das nicht abstürzen sollte. Bei der weiteren Recherche stellte ich fest, dass es möglich war, mein Arztpraxisprogramm, ein DOS-Programm, im DOSemu laufen zu lassen. Nach etlichen Versuchen stellte ich 2002 den Computer an der Anmeldung, der gleichzeitig als Server läuft, auf Linux um. Dank der Zusammenarbeit mit der DOSemu-Mailingliste konnten einige Bugs, die noch Probleme im Programmablauf hervorriefen, elimiert werden. Meine Erfahrungen insbesondere bei der Konfiguration des DOSemu zur Anbindung der KV-Karten-Lesegeräte, der Druckeranbindung sowie der Netzwerkkonfiguration habe ich auf den Webseiten von www.resmedicinae.org veröffentlicht. Um insbesondere Ärzten den Zugang zu Linux zu erleichtern, habe ich seit 2003 jährlich zur Mediziner-Messe Medica in Düsseldorf eine Knoppix- oder eine Kanotix-CD mit DOSemu, einer Demoversion des Arztpraxisprogramms und dem OpenSource Arztprogramm GNUmed geremastert. Das ISO-Image der CD konnte ich nach der Medica zum freien Download zur Verfügung stellen.
Seit 2005 müssen die Abrechnungen des Arztes für die Kassenärztliche Vereinigung mit einem Java-Programm geprüft werden, was das Aus für viele DOS-Arztprogramme bedeutete. Dank der guten Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Arztpraxisprogramms erhielt ich die Chance, das Programm auf Linux zu portieren. Besondere Probleme ergaben sich dadurch, dass es für die KV-Kartenlesegeräte zum größten Teil keine Linux-Treiber gibt. Das portierte Programm erhielt im August 2005 die Zulassung zur kassenärztlichen Abrechnung.
Mit der Umstellung auf Linux mussten weite Bereiche in der Arztpraxis umgestellt werden. Die Arztbrief-Erstellung wurde auf OpenOffice umgestellt und kann die Patientendaten direkt aus dem Arztpraxisprogramm übernehmen. Eine Arzneimittelliste, die für die Rezeptschreibung benötigt wird, läuft noch im DOSemu. Die Kommunikation zum Server erfolgt sowohl vom Windows-Client als auch den Linux-Clients über Samba. Zwei Laptops können sich auf dem Server über ein WEP-verschlüsseltes und OpenVPN-getunneltes WLAN-Netz einloggen.
2007 oder 2008 soll die eCard und die Anbindung der Arztpraxen an ein zentrales Servernetzwerk eingeführt werden. Es muss darauf hingewirkt werden, dass für die eCard-Lesegeräte Linux-Treiber zur Verfügung gestellt werden. Desweiteren ist dringend zu fordern, dass die Anbindungssoftware für die Arztpraxen zur Kommunikation mit dem zentralen Servernetzwerk auch unter Linux läuft. Bisher vorgestellte Lösungen der KV-Nordrhein bauen ausdrücklich nur auf dem Windows-Betriebssystem auf.
Über den Autor Claudia Neumann:
Claudia Neumann ist Fachärztin für Nuklearmedizin und
seit 1991 niedergelassene Ärztin in Friesoythe in Niedersachsen. Nachdem sie 2001 erstmals von Linux gehört hatte, stellte sie bereits 2002 ihre Praxissoftware auf Linux um und arbeitet bei www.resmedicinae.org mit, wo es auch Anleitungen zur Umstellung auf Linux gibt. Seit 2003 erstellt sie jährlich eine Linux-Live-CD mit Software für die Arztpraxis, die jeweils auf der Medica (Ausstellung und Kongreß für Ärzte) verteilt wurde. Claudia Neumann portierte 2004 ein Arztpraxis-Programm nach Linux, welches 2005 die Zulassung zur Kassenabrechnung erhalten hat. Sie trägt regelmäßig zum Thema Linux und Arztsoftware auf Konferenzen vor. Seit 2005 bemüht sie sich intensive darum, dass eCard-Lösungen und die Kommunikationsprotokolle des Telematik-Projektes des Bundesgesundheitsministeriums auch auf Linux laufen.
