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Aus dem Leben eines Program ChairsWie organisiert man eigentlich eine Konferenz wie den LinuxTag? Wie kommt es dazu, dass sich Deadlines regelmäßig nicht einhalten lassen? Als Program Chair und als erster Vorsitzender des LinuxTag e. V. bin ich verantwortlich für einen Großteil der Programmgestaltung. Hier möchte ich einmal die Gelegenheit nutzen, etwas aus von der Arbeit am Programm zu berichten. Die Konferenzen auf dem LinuxTag sind mittlerweile ein hochkomplexes Gebilde, das diverse, teilweise widersprüchliche Anforderungen zu erfüllen versucht. Dies fängt bei der Raumfrage an: Wieviele Räume haben wir in diesem Jahr zur Verfügung? Was kosten diese? Habe ich mehr Räume, können wir ein umfangreicheres Programm anbieten. Ist das Programm umfangreicher, steigen die Kosten für Unterbringung und Anreise. Grundsätzlich beschwert sich dann jemand, dass er zu lange beim LinuxTag bleiben müsse oder dass seine Lieblings-Vorträge parallel lägen. Betrachten wir einmal die Beiträge selbst: Welches Niveau wollen wir auf dem LinuxTag überhaupt anbieten? Eine Einführung in KDE kann im Prinzip jedes redegewandte LUG-Mitglied geben, ist es dann also ein Unterschied, wenn einer der Core-Entwickler selbst redet? Wie sieht es mit Kernel-Locking oder Libraries für Clusterfilesysteme aus? Ist das zu speziell oder brauchen wir diesen technischen Tiefgang? Was ist besser: Jedes potenzielle In-Thema mit einem Beitrag abzudecken um jedem Keyword und jedem Hype hinterherzulaufen oder statt dessen auf ausgewählte Themen fokussieren? Es wurden in diesem Jahr über 280 Beiträge zum LinuxTag eingereicht, Platz ist für gut 80 im Freien Programm. Enttäuschungen sind da vorprogrammiert, aber nach welchen Kriterien soll man auswählen? Möchte man vielleicht Firmenverteter bevorzugen? Nein, das ist nicht sinnvoll, wenn diese einzig ihr eigenes Unternehmen darstellen wollen; andererseits ist es auch nicht zielführend, sich auf eine einseite Gruppe von grenzenlosen Befürwortern zu kaprizieren, zu schnell nämlich ist dann die Bodenhaftung verloren. Eine gesunde Mischung an Befürwortern und Skeptikern, an Ideologen und Kritikern ist dabei sicher angebracht. Dann verteilt man die Entscheidung eben, dazu gibt es ja ein Programmkomitee. Das stimmt zwar, aber auch diese Gruppe ist nicht zu beneiden. Wie verschafft man sich einen Überblick zu 280 Beiträgen? Wie schafft man es, eine halbwegs einheitliche Metrik für alle Einreichungen z definieren und umzusetzen? Ein Mitglied des Komitees sagte mir einmal schon sehr zutreffend: "Wozu mache ich das ganze eigentlich, was bringt mir persönlich diese Mitarbeit?". Neben der Hilflosigkeit des Komitees kommt noch die der Teilnehmer am Call for Papers mit dazu: Wer etwas eingereicht hat und abgelehnt wurde ist enttäuscht. Das ist verständlich. In der Situation hat eigentlich jeder ein (mindestens moralisches) Recht, zu erfahren, wieso sein Beitrag abgelehnt wurde. Das ist sehr schwierig, wenn man bedenkt, dass das Komitee Unmengen von Beiträgen lesen und begutachten muss, um auch nur in den Ansatz einer Bewertung zu kommen, die von den zwangsläufig persönlichen Färbungen eines einzelnen Mitgliedes statistisch unabhängig sind. Darunter leidet leider auch die Rückmeldung. Trotzdem versuchen wir, uns für jeden einzelnen Autor die angebrachte Zeit zu nehmen, Entscheidungen zu erklären, Alternativen zu finden und Ratschläge für ein nächstes Mal zu geben. Gelobt waren die Zeiten, als es praktisch nur einem Konferenzteil gab. Heute gibt's den Business- und Behördenkongress für den Entscheider, das Freie Vortragsprogramm für technisch interessierte Entwickler und Innovatoren, das Practical Linux Forum für Ein- und Umsteiger sowie das Firmenvortragsprogramm für Unternhemen, die ihre Produkte und Lösungen anden Mann bringen wollen. Wie behält man den Überblick über diese ganzen Beiträge, Zeiten, Räume, Autoren, Fachgruppen, Teilveranstaltungen, Panels und Inhalte? Unser mit der Zeit gewachsenes virtuelles Conference Center (vCC) nimmt uns schon eine Menge Arbeit ab, denn im Kopf könnte eine Veranstaltung dieser Größenordnung vermutlich nicht mehr organisiert werden. Die Interna werden immer ausgefeilter und leistungsfähiger, allerdings kann außer den Kernentwicklern vermutlich kaum jemand mehr trotz umfangreicher Dokumentation komplett überblicken, wie die Zusammenhänge der heute über 35 Datenbank-Tabellen, objektorientiert ausgeführten fünf Teilmodule und diversen Export-Schnittstellen eigentlich aussehen. Dazu kommt dann noch, dass neben diesen "super einfachen" Aufgaben auch noch das tägliche Backup, das VPN zum Backupserver, die gesamte Basis-Infrastruktur und gelegentliche Software-Updates realisiert, getestet und auf Konsistenz überprüft werden müssen. In einem richtigen Unternehmen gibt's Angestellte dazu, die sich diesen Themen annehmen, aber der LinuxTag ist kein "richtiges Unternehmen", sondern baut in vielen Fällen noch auf Freiwilligkeit. Freiwilligkeit hingegen ist nicht einklagbar ... Nach all dem Wehklagen und Jammern könnte man sich fragen, wieso ein versprengtes Häuflein von Enthusiasten sich mittlerweile seit gut einem Jahrzehnt daransetzt, Jahr für Jahr erneut an diesem irrwitzigen Unterfangen mitzuwirken. Es ist Wille und die feste Überzeugung, aus eigener Kraft in schöpferischer Weise etwas bewegen zu können, anderen zu helfen und ihnen Alternativen aufzuzeigen. Ich hoffe, dass alle Beteiligten am LinuxTag diese Ideale mit uns teilen und aus diesem Blickwinkel verstehen können, wenn auch einmal etwas nicht so schnell wie geplant verlaufen ist. Über Anregungen oder Vorschläge würde ich mich sehr freuen; noch mehr willkommen sind darüber hinaus konkretes Anpacken und eigenverantwortliches Handeln, denn dies sind die Qualitäten, von denen der LinuxTag lebt.
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